Um Menschen für die Krisen- und Katastrophenvorsorge zu sensibilisieren, ist die Wahl einer geeigneten Vermittlungsform von zentraler Bedeutung. Ziel ist eine Risikokommunikation, die niedrigschwellig, verständlich und handlungsorientiert gestaltet ist. Informationen müssen klar, alltagsnah und strukturiert vermittelt werden, sodass Individuen befähigt werden, Verantwortung für ihre eigene Vorsorge zu übernehmen. Klassische Informationsmaterialien wie Flyer reichen hierfür nicht aus; es braucht Formate, die aktive Beteiligung ermöglichen und Orientierung bieten.
Basierend auf einem Serious Game des Deutschen Komitees Katastrophenvorsorge e.V. (DKKV), bestehend aus zwei Würfeln, entstand die Idee, ein weiterentwickeltes, spielbasiertes Kommunikationsinstrument mit mehreren großformatigen Würfeln zu entwickeln. Der spielerische Ansatz eröffnet einen vielversprechenden Zugang, um komplexe Inhalte über ein haptisches und interaktives Medium zu vermitteln. Das übergeordnete Ziel besteht darin, ein Instrument zu schaffen, das sowohl pädagogisch wirksam als auch für die Öffentlichkeitsarbeit geeignet ist.
Das Spiel soll:
- über den spielerischen Zugang Neugier wecken, zu Gesprächen anregen und Wissen in einer entspannten Atmosphäre nachhaltig sowie niederschwellig vermitteln;
- Vorsorge enttabuisieren und als machbaren, alltagsintegrierbaren Prozess darstellen;
- Selbstwirksamkeit stärken, indem individuelle Handlungsmöglichkeiten sichtbar gemacht werden;
- Resilienz fördern;
- flexibel in Bildungseinrichtungen, Vereinen und bei öffentlichen Veranstaltungen einsetzbar sein.
Im Folgenden werden die Ergebnisse dieser konzeptionellen Überlegungen vorgestellt und erste Erfahrungen aus den ersten Spielrunden erläutert.
Ziel des Spiels
Das Spiel verfolgt das zentrale Ziel, für potenzielle Gefahren und Risiken zu sensibilisieren sowie Grundlagen der Vorsorge zu vermitteln. Im Mittelpunkt steht die Stärkung der Handlungsfähigkeit der Bevölkerung. Hemmschwellen sollen abgebaut und verdeutlicht werden, dass Vorsorge und Resilienz keine belastenden Themen darstellen, sondern niedrigschwellig zugänglich und alltagsnah erlernbar sind.
Die Zielsetzungen lassen sich wie folgt konkretisieren:
- Bewusstsein zu stärken: Die Bevölkerung soll Gefahren und Risiken im Alltag sowie in Krisen‑ und Katastrophensituationen besser erkennen.
- Auseinandersetzung zu fördern: Die Teilnehmenden reflektieren ihre eigene Verwundbarkeit und identifizieren sinnvolle Vorbereitungsschritte.
- Konkrete Vorbereitung zu entwickeln: Gemeinsam mit Moderatorinnen und Moderatoren werden alltagsnahe und umsetzbare Maßnahmen erarbeitet.
- Austausch zu ermöglichen: Das Spiel schafft Raum für Dialog, gegenseitiges Lernen und Netzwerkbildung.
- Kompetenzen zu stärken: Die Teilnehmenden lernen, welche Ressourcen im Krisen- und Katastrophenfall relevant sind, und entwickeln ihre Selbstwirksamkeit weiter.
- Seriöse Quellen kennenzulernen: Das Spiel vermittelt Orientierung zu vertrauenswürdigen Informationsangeboten im Bereich Vorsorge und Krisenbewältigung.
Spielablauf
Der Spielablauf gliedert sich in zwei aufeinanderfolgende Phasen: Zu Beginn würfeln die Teilnehmenden die Würfel Gefahr, kaskadierenden Effekte‚ Dauer und Verwundbarkeit.
Anschließend beschreiben sie gemeinsam die daraus entstandene Lage: Was ist geschehen? Welche zusätzlichen Auswirkungen ergeben sich? Wie beeinflusst die Dauer den Verlauf? Welche persönlichen Herausforderungen entstehen? Und wie könnte sich die Situation weiterentwickeln? Optional kann der Reflexionswürfel hinzugezogen werden, dessen Fragen beliebig oft genutzt oder durch eigene Impulse der Moderation ergänzt werden können.
In der abschließenden Reflexionsphase diskutieren die Teilnehmenden mögliche Handlungsoptionen. Im Mittelpunkt stehen dabei das Erkennen und Stärken vorhandener Ressourcen, die Ableitung konkreter Schritte zur Verbesserung der eigenen Vorsorge sowie die Einschätzung der Realitätsnähe des Szenarios. Darüber hinaus reflektieren die Teilnehmenden ihre persönliche Resilienz. Die Diskussion kann sich darauf richten, wie im Alltag kleine, aber wirksame Maßnahmen umgesetzt werden können, wie Gruppen‑ oder Nachbarschaftsstrukturen zur gegenseitigen Unterstützung beitragen und welche Strategien helfen, auch in unübersichtlichen Situationen handlungsfähig zu bleiben.
Teilnehmende Dialoggruppen
Die Dialoggruppe des Spiels umfasst die gesamte Bevölkerung von Kindern bis hin zu älteren Menschen. Das weiterentwickelte Serious Game stellt ein modernes, spielerisches Instrument der Risikokommunikation dar, das erfahrungsgemäß Menschen aller Altersgruppen ab etwa fünf Jahren erreicht. Diese breite Dialoggruppe erfordert eine Vermittlung, die sowohl fachlich korrekt bleibt und zugleich allgemeinverständlich ist. Das Spiel bietet hierfür einen geeigneten Rahmen, da es komplexe Inhalte niedrigschwellig zugänglich macht und unterschiedliche Alters‑ und Wissensstände berücksichtigt.
Mehr noch, war es ein zentrales Ziel der Spielentwicklung, ein inklusives Angebot zu schaffen, das Themen der Risikokommunikation für alle Menschen zugänglich macht.
Um dies zu gewährleisten, wurden sowohl visuelle als auch sprachliche Barrieren konsequent reduziert. Die Würfel sind mit gut erkennbaren Zahlen versehen und in einem Farbsystem gestaltet, das auch für Menschen mit Rot‑Grün‑Schwäche eindeutig unterscheidbar ist. Zur Minimierung sprachlicher Hürden sind alle Beschriftungen in leichter Sprache formuliert. Dies erleichtert die Orientierung und stellt sicher, dass auch Personen ohne fachliche Vorkenntnisse aktiv am Spiel teilnehmen können.
Insgesamt ermöglichen diese Maßnahmen eine barrierearme Nutzung und gewährleisten, dass das Spiel für Teilnehmende mit unterschiedlichen Voraussetzungen gleichermaßen zugänglich bleibt.

Beschreibung der Würfel und Ihrer Funktionen
Die fünf Würfel sind jeweils 40 × 40 cm groß und bestehen aus Schaumstoff mit einem wasserabweisendem Außenmaterial. Dadurch sind sie robust, flexibel und unabhängig von Witterungsbedingungen einsetzbar. Aufgrund ihrer Größe und des Materials können sie zudem als Sitzgelegenheit genutzt werden.
Jeder Würfel repräsentiert eine eigene thematische Kategorie und ist durch eine charakteristische Farbe sowie sechs klar beschriftete Seiten gekennzeichnet. Die Farbpalette umfasst Rot, Magenta, Dunkelblau, Lila und Türkis und wurde so gewählt, dass sie auch für Menschen mit eingeschränkter Farbwahrnehmung gut unterscheidbar bleibt. Tests zeigten beispielsweise, dass Gelb aufgrund mangelnden Kontrasts bei Sonneneinstrahlung ungeeignet ist. Diese Erkenntnisse flossen in ein Farbschema ein, das sowohl funktional als auch inklusiv gestaltet ist.
Der erste Würfel (Rot) bildet jene Gefahren ab, die für den Landkreis, für den das Spiel entwickelt wurde, relevant sind – darunter Cyberangriffe, starker Schneefall, Vegetationsbrände, Orkan- und Sturmereignisse, Sturmfluten und Hochwasser. Der zweite Würfel (Magenta) zeigt kaskadierenden Effekte, etwa den Ausfall des Notrufs, Stromausfälle, Verkehrschaos, den Ausfall von Telefon und Internet, die Verbreitung von Fake News oder Trinkwasserverunreinigungen. Der dritte Würfel (Dunkelblau) legt die Dauer des Szenarios fest und reicht von wenigen Stunden bis zu mehreren Wochen. Der vierte Würfel (Lila) thematisiert individuelle Verwundbarkeiten wie fehlende Vorräte, gesundheitliche Einschränkungen, Pflegebedürftigkeit im Haushalt oder eingeschränkte Sprachkenntnisse. Optional kann ein fünfter Würfel (Türkis) eingesetzt werden, der Reflexionsfragen enthält und den Transfer in den Alltag unterstützt – etwa zu Informationsquellen, Kommunikation ohne digitale Infrastruktur, Vorratshaltung oder gegenseitiger Unterstützung.

Erfahrungen aus der Spieleentwicklung und ersten Spielrunden
Die Entwicklung des Spiels war geprägt von zahlreichen Entscheidungen und Abwägungen, insbesondere im Hinblick auf Inklusion, Sprache und Barrierefreiheit. Dabei wurde deutlich, dass ein wirksames Serious Game nicht allein durch fachliche Präzision überzeugt, sondern vor allem dadurch, dass es für Menschen mit unterschiedlichen Voraussetzungen verständlich und zugänglich bleibt.
Ein prägnantes Beispiel hierfür ist die Begriffswahl: Während etwa der fachlich korrekte Begriff „Vegetationsbrand“ inhaltlich präzise ist, zeigte sich in der Praxis, dass viele Teilnehmende ihn nicht einordnen konnten. Eine alltagsnahe Formulierung, wie „Wald und Wiesen brennen“, erwies sich als deutlich verständlicher. Diese Erfahrung verdeutlicht, wie wichtig es ist, die Balance zwischen fachlicher Genauigkeit und sprachlicher Verständlichkeit bewusst auszutarieren.
Eine weitere Herausforderung besteht darin, dass die Beschreibung realer Gefahren und kaskadierender Effekte bei Teilnehmenden mit Erfahrungen aus Katastrophen‑ oder Kriegsgebieten belastende Erinnerungen reaktivieren kann. Eine sensible, fachlich geschulte Moderation ist daher unverzichtbar. Das Spiel verfolgt das Ziel, Selbstwirksamkeit und Handlungskompetenz zu fördern und gleichzeitig einen sicheren Rahmen zu schaffen, in dem Gedanken ausgesprochen und Erfahrungen reflektiert werden können. Niemand soll sich ausgeliefert fühlen; vielmehr sollen individuelle Handlungsspielräume sichtbar werden und Orientierung entstehen.
Zur nachhaltigen Vertiefung des Spielerlebnisses empfiehlt es sich, begleitende Informationsmaterialien bereitzuhalten, etwa den Ratgeber „Vorsorge für Krisen und Katastrophen“ des Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) sowie Informationsflyer zu regionalen Notfallinfopunkten. Diese unterstützen den Transfer in den Alltag und stärken die persönliche Resilienz der Teilnehmenden.
Schließlich tragen die Würfel selbst wesentlich zur Wirkung des Spiels bei: Durch ihre Größe und Farbintensität fungieren sie als auffällige Eyecatcher, die sofort Aufmerksamkeit erzeugen und den spielerischen Charakter des Formats unterstreichen. Gleichzeitig können sie als Sitzgelegenheiten genutzt werden, sodass sich Teilnehmende während des Spiels oder in der Reflexionsphase bequem hinsetzen und sich in Ruhe austauschen können. Dies schafft eine entspannte, zugängliche Atmosphäre, die den Dialog fördert und die Auseinandersetzung mit dem Thema erleichtert.
Spieleentwicklung und Beitrag: Tamara L. Orschler, Kreis Ostholstein, Fachdienst Bevölkerungsschutz und Ordnungsangelegenheiten, E-Mail: t.orschler@kreis-oh.de

(Bildquellen: Tamara L. Orschler)

