4:17 Uhr morgens. Die Erde bebt. Gebäude stürzen ein, Straßen reißen auf, die Versorgung mit Strom, Wasser und Gas bricht zusammen. In Gdańsk und den umliegenden Gebieten herrscht Chaos. Menschen werden vermisst, zahlreiche Personen sind unter Trümmern eingeschlossen. Die örtlichen Einsatzkräfte arbeiten am Limit, internationale Hilfe wird angefordert.
Zum Glück war dieses Szenario nicht Realität, sondern Teil einer groß angelegten Such- und Rettungsübung Anfang Juni 2026 in Polen. Für die Einsatzkräfte von ISAR Germany fühlte sich die angenommene Katastrophe dennoch erschreckend real an. Über mehrere Tage hinweg trainierten die Teams unter Bedingungen, die einem internationalen Katastropheneinsatz so nah wie möglich kamen.
Im Mittelpunkt stand dabei nicht nur die technische Rettung, sondern die gesamte Einsatzkette eines internationalen Urban Search and Rescue (USAR)-Einsatzes nach den Standards der Vereinten Nationen (INSARAG). „Unser Ziel war es, ein möglichst realistisches Einsatzszenario zu schaffen, das die Teilnehmer fordert und gleichzeitig die Abläufe eines internationalen Katastropheneinsatzes möglichst authentisch abbildet“, erklärt Simon Gutzeit, Leiter der Exercise Control (EXCON) und verantwortlich für die Organisation der Übung. „Von den Einreise- und Registrierungsverfahren über den Aufbau des Camps bis hin zur Suche, Rettung und medizinischen Versorgung haben wir die komplette Einsatzrealität abgebildet.“
Grundlage war ein fiktives, aber plausibles Erdbeben der Stärke 7,2, das erhebliche Schäden in der fiktiven „Republik Pomerania“ verursachte. Zahlreiche Gebäude waren eingestürzt, kritische Infrastruktur ausgefallen und viele Menschen galten als verletzt, vermisst oder verschüttet. Für die Einsatzkräfte hieß das: Entscheidungen unter Zeitdruck, mit unmittelbaren Folgen für Menschenleben.

Ein besonderer Schwerpunkt lag auf der internationalen Koordination. Über die Plattform Virtual OSOCC (On-Site Operations Coordination Centre) wurden Lageinformationen bereitgestellt, Bedarfe kommuniziert und Einsatzkräfte koordiniert. Die Teilnehmenden mussten sich also nicht nur am Schadensort bewähren, sondern auch die internationale Abstimmung mittragen. Gerade diese Schnittstelle zwischen taktischer Arbeit am Schadensort und strategischer Koordination stellt in realen Einsätzen einen entscheidenden Erfolgsfaktor dar.
Nach der simulierten Einreise und Registrierung errichtete ISAR Germany sein Base of Operations (BoO), das während der Übung als Unterkunft, Führungs- und Logistikzentrum diente. Von dort aus wurden die Einsätze geplant, Ressourcen gesteuert und die Kommunikation mit nationalen und internationalen Partnern sichergestellt. Bereits wenige Stunden nach Eintreffen im Krisengebiet begannen die ersten Erkundungsmaßnahmen, gefolgt von der Identifikation und Priorisierung von Einsatzstellen.
Die praktischen Übungsabschnitte umfassten eine Vielzahl anspruchsvoller Szenarien: eingestürzte Wohngebäude, industrielle Schadenslagen, verschüttete Tunnel sowie schwer zugängliche Bereiche. Rettungshunde und technische Ortungssysteme kamen zum Einsatz, um eingeschlossene Personen zu lokalisieren. Anschließend wurden Zugänge geschaffen, Betonkonstruktionen geöffnet und die Verletzten gerettet. Parallel dazu übernahmen medizinische Teams die Versorgung der Betroffenen unter beengten und unsicheren Bedingungen.

Gerade dieses Zusammenspiel unterschiedlicher Fachbereiche, von der Suche über die technische Rettung bis zur medizinischen Versorgung, ist ein zentrales Merkmal moderner Katastrophenhilfe. Eingespielte Abläufe, klare Führungsstrukturen und interdisziplinäre Zusammenarbeit entscheiden in komplexen Einsatzlagen darüber, wie schnell Verschüttete gefunden und versorgt werden.
Neben den operativen Herausforderungen stand auch der Austausch mit internationalen Partnern im Fokus. Die polnische Feuerwehr unterstützte die Übung maßgeblich, sowohl in der Vorbereitung als auch in der Durchführung. Erfahrene Ausbilderinnen und Ausbilder sowie INSARAG-Classifier begleiteten die Übung und bewerteten die Abläufe aus internationaler Perspektive. Ihre Rückmeldungen liefern wertvolle Impulse für die Weiterentwicklung von Einsatzkonzepten und Trainingsstrukturen.
Die Übung zeigt, wie entscheidend vorbereitete Strukturen, standardisierte Verfahren und internationale Netzwerke im Ernstfall sind.
„Unter realem Druck sehen wir, wo unsere Abläufe halten und wo wir nachschärfen müssen“, sagt Ralf Heuberg, Geschäftsführer von ISAR Germany. „Was wir hier gelernt haben, fließt direkt in unsere Ausbildung ein, auch mit Blick auf die anstehende INSARAG-Rezertifizierung.“
Gleichzeitig zeigt die Übung auch das besondere Engagement der Einsatzkräfte. Über mehrere Tage hinweg arbeiteten sie unter hoher körperlicher und mentaler Belastung, und das ehrenamtlich, neben Beruf, Familie und Alltag. Dieses Engagement bildet die Grundlage für die Einsatzfähigkeit von Hilfsorganisationen im In- und Ausland.

Mit Blick auf die bevorstehende INSARAG-Rezertifizierung war die Übung ein wichtiger Zwischenschritt: An ihr lässt sich ablesen, wo die Teams stehen.
Beitrag: Simon Gutzeit, Head of Research, Medical Partnerships and Funding, ISAR Germany (International Search and Rescue), E-Mail: simon.gutzeit@isar-germany.de
(Bildquellen: ISAR Germany)

