7. Oktober 2026 · Sissi Knispel de Acosta
**Earth Resilience Institute · Policy Brief zur Berlin Climate and Security Conference (BCSC),


Die zentrale Botschaft
Dass Klimarisiken Sicherheitsrisiken sind, ist auf internationaler Ebene weitgehend Konsens.
Gleichzeitig bewegen sich politische und finanzielle Prioritäten teilweise in die
entgegengesetzte Richtung: Verteidigungsausgaben steigen, während Mittel für Prävention,
Friedensförderung und humanitäre Hilfe unter Druck geraten.
Die Berlin Climate and Security Conference 2026 hat deshalb weniger ein Erkenntnisproblem
als ein Umsetzungsproblem sichtbar gemacht. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr, ob
Klimawandel Sicherheit beeinflusst. Sie lautet: Wie übersetzen wir vorhandenes Wissen über
Klimarisiken in rechtzeitige, lokal wirksame und sektorübergreifende Entscheidungen?


Kontext
Das deutsche ThinkThank adelphi richtete die BCSC am 6. und 7. Oktober 2026 gemeinsam
mit dem Auswärtige Amt aus. Mehr als 300 Vertreterinnen und Vertreter aus Regierungen,
Militär, UN, Entwicklungsbanken, Zivilgesellschaft und Wissenschaft diskutierten Klima-
sicherheit aus unterschiedlichen institutionellen Perspektiven.
In der internationalen Wahrnehmung von Klimarisiken zeichnet sich ein rasanter Wandel ab:
Klimawandel wird zunehmend als Frage von Frieden, Sicherheit und geopolitischer Stabilität
verstanden und Klimasicherheit gehört inzwischen zu den zentralen internationalen
sicherheitspolitischen Themen, wie die von Deutschland und Nauru geleitete Group of
Friends on Climate and Security mit inzwischen 81 Mitgliedstaaten zeigt. Auch die NATO
beschäftigt sich zunehmend mit den sicherheitspolitischen Folgen des Klimawandels.
Gleichzeitig steht dieser wachsende politische Konsens einer schwierigen Realität gegenüber.
Während die sicherheitspolitische Bedeutung von Klimarisiken anerkannt wird, geraten
genau jene Investitionen unter Druck, die Risiken frühzeitig reduzieren könnten: Prävention,
Anpassung, Friedensförderung und humanitäre Hilfe. Zur selben Zeit erweitert sich die
Debatte: Erstmals stand auf der BCSC auch Solar Geoengineering auf der Agenda – nicht
primär als technologische Option, sondern mit Blick auf mögliche Sicherheits-, Governance-
und geopolitische Risiken. So wurde die zunehmend dringliche Frage diskutiert:

Wie wird aus der Erkenntnis über Klimarisiken konkrete Handlungsfähigkeit?
Die Diskussionen zeigten dabei, dass es nicht an einzelnen Konzepten oder Daten mangelt.
Die eigentliche Herausforderung liegt darin, Risiken über sektorale und institutionelle
Grenzen hinweg zu verstehen, lokale Vulnerabilitäten sichtbar zu machen und Finanzierung
sowie Entscheidungsprozesse so zu gestalten, dass rechtzeitiges Handeln tatsächlich möglich
wird. Genau an dieser Schnittstelle zwischen Wissen, Entscheidung und Umsetzung liegt die
zentrale Umsetzungslücke der heutigen Klimasicherheitspolitik. Die Konferenz erweiterte
den Blick zugleich auf neue und bislang weniger etablierte Sicherheitsfragen.
Die Paneldiskussionen fanden unter der Chatham House Rule statt; Aussagen werden daher
ohne Namensnennung wiedergegeben.

Zentrale Erkenntnisse

  1. Klimarisiken sind Kaskaden – keine isolierten Ereignisse
    Die Konferenz machte deutlich, dass Klimarisiken selten dort enden, wo sie entstehen.
    Dürre und ausbleibender Regen können Ernährungssysteme destabilisieren und von
    Konfliktparteien instrumentalisiert werden. Sinkende Wasserstände im Panamakanal können
    globale Lieferketten beeinträchtigen. Ernteausfälle in Asien wirken auf Lebensmittelpreise
    weltweit. Veränderungen im Nahen Osten oder an strategischen Seewegen können globale
    wirtschaftliche Auswirkungen haben.
    Ein regionaler Klimaschock kann damit zu einem globalen Sicherheits- und
    Wirtschaftsrisiko werden.
    Auswärtiges Amt – Rede von Außenminister Wadephul bei der
    BCSC 2026

    Das verändert die Anforderungen an Risikoanalysen: Es reicht nicht, einzelne Gefahren zu
    kartieren. Entscheidend ist zu verstehen, wie Risiken miteinander interagieren, wo sie sich
    verstärken und welche Systeme dadurch besonders verwundbar werden.
  1. Prävention ist Sicherheitspolitik – wird aber weiterhin wie Entwicklungspolitik behandelt
    Ein wiederkehrender Widerspruch der Konferenz war die Diskrepanz zwischen steigender
    Aufmerksamkeit für Klimasicherheit und sinkenden Spielräumen für Prävention, Frieden und
    humanitäre Hilfe.
    Dabei ist Resilienz nicht nur eine moralische oder entwicklungspolitische Investition. Sie ist
    eine Sicherheitsinvestition. Die Weltbank kommt zu dem Ergebnis, dass jeder Dollar, der in
    resiliente Infrastruktur in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen investiert wird,
    durchschnittlich rund vier Dollar Nutzen erzeugen kann. World Bank/GFDRR – Lifelines: The
    Resilient Infrastructure Opportunity

    Eine der treffendsten Aussagen der Konferenz war daher:
    „We have to stop discussing what it costs to act instead of what it costs not to act.“
    Genau hier liegt eine zentrale Umsetzungslücke: Die Kosten des Nichthandelns werden in
    politischen Entscheidungen noch zu selten systematisch gegen die Kosten präventiver
    Maßnahmen gestellt.
  1. Sicherheit und Ökosystemschutz sind nicht zwangsläufig Zielkonflikte
    Besonders überzeugend waren Beispiele, bei denen ökologische Wiederherstellung und
    Sicherheitspolitik denselben Handlungsraum betreffen.
    In Finnland wurde etwa gezeigt, wie die Wiedervernässung von Mooren in Grenzregionen
    gleichzeitig Biodiversität, Kohlenstoffspeicherung und sicherheitspolitische Interessen
    unterstützen kann. Intakte Moore erschweren beispielsweise die Bewegung schwerer
    Fahrzeuge (Panzer).
    Das Vereinigte Königreich betrachtet Biodiversitätsverlust und den Zusammenbruch von
    Ökosystemen inzwischen ausdrücklich als nationale Sicherheitsrisiken [UK DEFRA – Nature
    Security Assessment
    ].
    Damit verschiebt sich die Perspektive:
    Naturschutz ist nicht nur Schutz eines ökologischen Wertes. In vielen Kontexten ist er eine
    Investition in gesellschaftliche und nationale Resilienz.
    Oder, wie es auf der Konferenz formuliert wurde:
    „Investments in prevention have to be made not because nature is romantic or beautiful, but
    because it is essential for our survival.“
  1. Die eigentliche Finanzierungslücke ist eine Kontinuitätslücke
    In den Diskussionen über fragile und konfliktbetroffene Regionen wurde ein Problem
    besonders deutlich: Nicht immer fehlt es an Geld. Häufig fehlt es an verlässlicher, flexibler
    und langfristiger Finanzierung – und langfristig meint nicht 3 sondern eher 10 Jahre.
    Kurze Förderfenster und wechselnde politische Prioritäten erzeugen Abbruchzyklen.
    Gleichzeitig besteht eine Lücke zwischen kleinen lokalen Initiativen und großen
    internationalen Programmen, sowie eine überbordende Berichtspflicht an große
    Geberländer die Staaten in fragilen Kontexten oft nicht oder nur mit unverhältnismäßigem
    Aufwand erbringen können. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: Wie viel Geld
    steht zur Verfügung? sondern: Wie kann Finanzierung Kontinuität ermöglichen?
    Das ist besonders relevant in Regionen, in denen sich Sicherheitslagen, institutionelle
    Zuständigkeiten und lokale Machtverhältnisse schnell verändern.
    Finanzierungsmechanismen müssen deshalb unter anderem ermöglichen:
  • mehrjährige und flexible Förderung,
  • eine mittlere Finanzierungsebene zwischen Kleinstprojekten und Großprogrammen,
  • Anpassung oder Wechsel von Umsetzungspartnern bei veränderter Sicherheitslage,
  • langfristige Anschlussfinanzierung,
  • lokale und unabhängige Monitoringmechanismen.
  1. Lokale Akteure sind keine Stakeholder am Ende der Wertschöpfungskette
    Ein wiederkehrendes Muster in den Diskussionen über Sudan, Somalia, Bangladesh, Irak und
    Syrien war die Diskrepanz zwischen internationaler Projektlogik und lokaler Realität.
    In fragilen Kontexten funktionieren staatliche Strukturen teilweise nicht, genießen kein
    Vertrauen oder bilden selbst einen Teil der Konfliktdynamik. Dennoch setzen internationale
    Finanzierungsmechanismen häufig genau solche Strukturen als zentrale Zugangsvoraussetzung
    voraus. Das erzeugt einen paradoxen Effekt: Diejenigen, die die
    Risiken am besten kennen, haben häufig den geringsten Zugang zu den Ressourcen, die zur
    Bewältigung dieser Risiken benötigt werden. Besonders deutlich wurde dies in der
    Diskussion über den Wiederaufbau Syriens oder im Amazonas. Junge Menschen und lokale
    Akteure forderten nicht lediglich Konsultation, sondern echte Beteiligung an
    Entscheidungen: „Nothing about us without us.“ Für Resilienzpolitik bedeutet das: Lokales
    Wissen darf nicht erst bei der Implementierung hinzukommen. Es muss bereits in
    Risikoanalyse, Priorisierung, Projektgestaltung und Monitoring einfließen.
  1. Konfliktsensibilität muss ins Projektdesign – nicht in den Annex
    Die Diskussionen aus Somalia, Irak, Bangladesh und Sudan zeigten ein weiteres strukturelles
    Problem. Eine Klimamaßnahme findet nie in einem politischen Vakuum statt. Sie verändert
    Zugänge zu Land, Wasser, Infrastruktur und Ressourcen. Damit verändert sie potenziell auch
    lokale Machtverhältnisse.
    Eine Konfliktanalyse sollte deshalb bereits vor Projektbeginn beantworten:
  • Wer kontrolliert Land und Wasser?
  • Wer profitiert von der Intervention?
  • Wer verliert möglicherweise?
  • Welche lokalen Machtstrukturen werden gestärkt?
  • Welche Gruppen haben keinen Zugang zu Entscheidungsprozessen?
  • Wie kann sich die Sicherheitslage auf die Umsetzung auswirken?
    Conflict sensitivity darf daher kein nachträglicher Prüfpunkt sein. Sie muss Teil der
    Entscheidungsarchitektur werden.
  1. Hitze zeigt besonders deutlich, was „systemisches Risiko“ bedeutet
    Die Diskussion zu Hitze hat eine oft unterschätzte Dimension von Climate Security sichtbar
    gemacht. Hitze ist anders als eine Flut oder ein Sturm: Sie ist häufig weniger spektakulär,
    aber sie wirkt über lange Zeiträume und auf zahlreiche gesellschaftliche Systeme gleichzeitig.
    Hitze erhöht gesundheitliche Risiken, reduziert Arbeitsproduktivität und belastet
    Krankenhäuser. Gleichzeitig können Energie-, Verkehrs- und IT-Systeme ausfallen und
    dadurch wiederum andere kritische Infrastrukturen beeinträchtigen. Besonders betroffen
    sind Menschen, die bereits strukturell vulnerabel sind – darunter ältere Menschen, Outdoor-
    Arbeitende und Menschen mit Behinderungen.
    Der Lancet Countdown dokumentiert die zunehmenden gesundheitlichen Auswirkungen der
    Erderwärmung [Lancet Countdown / WHO – 2025 Report].
    Die Schlussfolgerung aus der Konferenz war klar: „Heat remains invisible,
    but it is a risk that kills.“ Hitzeschutz ist deshalb nicht nur Gesundheitspolitik. Er ist kritische
    Infrastruktur-, Sozial-, Wirtschafts- und Sicherheitspolitik.
  1. Der Frieden bleibt der blinde Fleck
    Besonders auffällig war die Diskrepanz zwischen der zunehmenden Anerkennung von
    Climate Security in sicherheitspolitischen Institutionen und der weiterhin begrenzten Rolle
    von Frieden und Sicherheit in internationalen Klimaprozessen.
    Bei der UNCCD COP17 wurden nach Aussage von Teilnehmenden Verhandlungspunkte zu
    Frieden, Sicherheit, Geschlechtergerechtigkeit und gesellschaftlicher Teilhabe von mehreren
    Staaten blockiert. Friedensakteure waren kaum im Raum. Damit entsteht ein institutionelles
    Paradox: Wir sprechen über Klima als Sicherheitsrisiko, aber behandeln Klimapolitik und
    Friedenspolitik weiterhin weitgehend getrennt. Die Rio-Konventionen müssen deshalb
    stärker mit Friedens- und Sicherheitsakteuren verbunden werden. Climate Security darf nicht
    nur ein Thema der Außen- und Verteidigungspolitik sein.

Was daraus politisch folgt

  1. Resilienz als Kriterium für Sicherheitsinvestitionen
    Öffentliche Investitionen in Verteidigung, Infrastruktur und Sicherheit sollten systematisch
    auf ihre Klima-, Ökosystem- und Resilienzdimension geprüft werden. Dabei sollte nicht jede
    Investition zwanghaft einen Klimanutzen erhalten. Vielmehr braucht es transparente
    Kriterien für Co-Benefits und Trade-offs. Die Bewertung sollte durch unabhängige
    wissenschaftliche Expertise unterstützt werden.
  2. Die Kosten des Nichthandelns sichtbar machen
    Klimarisiken sollten in Haushaltsplanung, Sicherheitsstrategien und Infrastruktur-
    entscheidungen mit ihren erwartbaren Folgekosten berücksichtigt werden. Die Frage muss
    von „Was kostet Prävention?“ zu „Was kostet Nicht-Prävention?“ verschoben werden.
  3. Finanzierung auf Kontinuität ausrichten
    Internationale Klimafinanzierung für fragile Kontexte sollte:
    längerfristig, flexibler, lokal zugänglicher und anpassungsfähig sein.
    Es braucht insbesondere eine mittlere Finanzierungsebene, über die lokale Ansätze wachsen
    können, ohne sofort die Anforderungen großer internationaler Programme erfüllen zu
    müssen.
  4. Konfliktanalyse zum Bestandteil jeder Intervention machen
    Bei klima- und umweltbezogenen Projekten in fragilen Kontexten sollte Konfliktsensibilität
    verpflichtender Bestandteil des Designs sein – inklusive laufender Überprüfung während der
    Umsetzung.
  5. Lokale Entscheidungskompetenz stärken
    Gemeinschaften, Jugend, indigene Gruppen und lokale Organisationen sollten nicht nur
    konsultiert werden. Sie brauchen Mitentscheidungsrechte und direkten Zugang zu
    Ressourcen
    .
  6. Frühwarnung mit Frühhandlung verbinden
    Ein Warnsystem allein verhindert keine Krise. Frühwarninformationen müssen mit vorab
    definierten Handlungsschwellen, Zuständigkeiten und Finanzierung verbunden werden.
    Early Warning muss zu Early Action werden.
  7. Vulnerabilität zur Grundlage von Entscheidungen machen
    Die Konferenz zeigt eine wachsende Nachfrage nach integrierten Informationen darüber,
    wo Risiken entstehen, wer besonders betroffen ist, wie Risiken miteinander interagieren
    und welche Handlungsmöglichkeiten tatsächlich bestehen.
    Dafür braucht es place-based Vulnerability Intelligence, die wissenschaftliche Daten mit
    lokalem Wissen und institutioneller Entscheidungslogik verbindet.

Schlussfolgerung: Von Climate Security zu Resilience by Design
Die BCSC 2026 hat gezeigt, dass die internationale Diskussion einen wichtigen Punkt erreicht
hat: Klimawandel wird nicht mehr nur als Umweltproblem verstanden. Die Herausforderung
liegt jetzt darin, diese Erkenntnis in Institutionen, Budgets und Entscheidungen zu
übersetzen.
Dafür braucht es keine weitere Trennung zwischen Klima-, Sicherheits-, Entwicklungs-,
Gesundheits- und Friedenspolitik. Es braucht Entscheidungsansätze, die diese Systeme dort
zusammenführen, wo ihre Risiken und Handlungsmöglichkeiten tatsächlich
zusammentreffen. Resilienz bedeutet dabei nicht, die Zukunft exakt vorherzusagen.
Sie bedeutet, Vulnerabilitäten früh zu erkennen, Zusammenhänge sichtbar zu machen,
Handlungsspielräume zu identifizieren und Entscheidungen rechtzeitig an veränderte
Bedingungen anzupassen.
Die wichtigste Botschaft der Konferenz lässt sich deshalb in einem Satz zusammenfassen:
Climate security is no longer primarily a knowledge gap. It is an implementation gap.
Und genau diese Lücke muss die nächste Phase der Climate-Security-Politik schließen.
In diesem Sinne bleibt nur zu sagen: „The most effective way to do it, is to do it.“

Beitrag: Sissi Knispel, Direktorin des Earth Resilience Institutes, Email: sissi.knispel@earth-resilience-institute.de